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#BackToOffice: Warum wir gerade jetzt das Remote-Work-Experiment verlängern sollten

Aktuell ist #BackToOffice ein großes Thema für Unternehmen und deren Interessenvertretungen. Meine Gedanken dazu, warum das jetzt genau der falsche Zeitpunkt dafür ist.

Angesichts der aktuellen Lockerungen und der Entschleunigung des Infektionsgeschehens scheint die Rückkehr ins Büro eine ganz normale Entwicklung zu sein, auch wenn die Pandemie längst noch nicht überstanden ist. Immerhin ist auch an vielen Schulen mittlerweile wieder Präsenzunterricht in voller Klassenstärke möglich. Wenn Schüler:innen wieder zusammen lernen können, sollten Arbeitnehmer:innen doch auch wieder zusammen arbeiten können, oder?

Remote-Work bisher nur unter erschwerten Bedingungen

Ja, das könnten sie, aber damit würden wir eins der größten Experimente der Arbeitswelt, die es jemals gegeben hat, genau dann abbrechen und entwerten, wenn es wirklich interessant wird. Denn bislang fand #RemoteWork unter den erschwerten Bedingungen der Pandemie statt. Arbeitnehmer:innen, die ihre schulpflichtigen Kinder zu Hause hatten, mussten sich teilweise den Küchentisch mit den Kindern und den Lebenspartnern teilen. Statt sich voll auf die Arbeit konzentrieren zu können, teilte sich die Aufmerksamkeit auf Arbeit, Home-Schooling und allgemeiner Kinderbetreuung auf. Dazu kamen die Sorge um die finanzielle Zukunft, wenn der Arbeitgeber pandemiebedingte Probleme hatte, und die Sorge um die Gesundheit der Familie.

Und dennoch hört man von vielen Seiten, dass Remote-Work erstaunlich gut funktioniert hat. Dabei hatten nicht wenige Unternehmen zuvor überhaupt keine Remote-Work-Option für ihre Mitarbeitenden in petto und mussten das ad hoc einrichten. Dass dabei gerade Mitarbeitende mit schulpflichtigen Kindern einem zusätzlichen Stress ausgesetzt sind, darf zu keiner Zeit vergessen oder geringgeschätzt werden. Das gilt dann auch für die Bewertung des Remote-Work-Experiments:

Wer sich als Arbeitgeber nun hinstellt und sagt, dass Remote-Work nicht funktioniert, ignoriert und bagatellisiert die erschwerten Bedingungen.

Wer sich als Arbeitgeber nun hinstellt und sagt, dass Präsenzarbeit viel besser funktioniert, müsste dies im Grunde mit einem Folge-Experiment beweisen.

 

Wie wäre es denn, wenn die Eltern ihre Kinder mal für einen Monat mit zur Arbeit bringen würden, um sie dort zu betreuen, Schulaufgaben zu erledigen und mit ihnen gemeinsam das Mittagessen zuzubereiten? Das alles natürlich während der Arbeit und im gleichen Raum, der ansonsten auch zur Verfügung steht.

Erst dann wären die Bedingungen vergleichbar. Es gibt aber noch eine viel elegantere Option, die wir jetzt ziehen sollten.

Warum #BackToOffice bis 2022 warten sollte

Wir würden die Erkenntnisse und Erfahrungen aus den letzten 15 Monaten ignorieren, wenn jetzt alle Büroarbeitenden wieder zurück ins Office schicken würden. Denn die letzten 14-15 Monate haben die Arbeitswelt für immer verändert, ob die Unternehmen das jetzt wahrhaben wollen oder nicht.

Ich hatte auf LinkedIn gefragt, welchen Gedanken mit der Rückkehr ins Büro verbunden werden:

Das ist natürlich keine repräsentative Umfrage, aber dennoch ein recht eindeutiges Stimmungsbild: Knapp 80 Prozent wünschen sich auch weiterhin die Option im Home-Office arbeiten zu können. Jede vierte Person will sogar am liebsten komplett im Home-Office bleiben.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, jetzt noch mit der Rückkehr zum Büro-Alltag zu warten. Jetzt, wo die Schulen wieder in einen geregelten Ablauf zurückkehren, reduzieren sich die erschwerten Bedingungen für die arbeitenden Eltern massiv. Sie können sich nun auch zu Hause viel besser auf die Arbeit konzentrieren und erst dadurch die tatsächlichen Vorzüge von Remote-Work kennenlernen. Es braucht aber auch eine gewisse Zeit, bis sie sich aus dem Dauerstress der letzten Monate befreit haben und ihre neue Arbeitswelt ohne Altlasten erfahren können.

Dazu kommen weitere Faktoren, die mit der Pandemie selbst zu tun haben. Die angestrebte gesellschaftliche Immunisierung ist beispielsweise noch längst nicht abgeschlossen. Auch da wäre es von Vorteil, wenn wir erst dann die Büros wieder komplett öffnen würden, wenn alle, die es wollen, auch geimpft sind. Zudem haben wir im letzten Jahr erlebt, dass eine Pandemie nicht linear verläuft und jederzeit mit einer neuen Welle zurückkommen kann.

Fazit: Wir brauchen Erfahrungen für den Wandel der Arbeitswandel

Halten wir nochmal die wichtigsten Punkte fest: Eine schnelle und vollständige Rückkehr ins Büro würde weder den Wünschen der Mitarbeitenden entsprechen, noch wäre es für die Weiterentwicklung der Arbeitswelt wünschenswert, da uns wichtige Kenntnisse und Erfahrungen entgehen würden. 

Und diese Weiterentwicklung lässt sich nicht mehr aufhalten, wir können sie allenfalls verschleppen. Das aber hat uns schon an anderen Stellen nicht gutgetan und sollte nicht zu einem Markenzeichen des Standorts Deutschland werden.

Die Veränderung der Arbeitswelt hat gerade erst begonnen und genau deshalb gibt es dieses Blog. Hier Stelle werde ich mich auch zukünftig mit Themen aus dem Bereich Modern-Work beschäftigen, denn ich arbeite schon seit vielen Jahren „anders“ und bin neugierig auf alles, was in den nächsten Jahren noch kommt.

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag.

    An einem Punkt würde ich Dir zumindest in Teilen „widersprechen“ (nicht im Artikel selbst, aber auf der Seite): Der Wandel der Arbeitswelt ist, zumindest solange ich arbeite (und das sind inzwischen auch fast 14 Jahre), schon in vollem Gange.

    Weil die Entwicklung hier, wie bei vielen anderen Themen, nicht mehr linear, sondern exponentiell erfolgt, werden die Veränderungen in den nächsten Jahren noch viel weitreichender sein als alles, was wir bisher gesehen haben.

    Corona war hier – wie auch in vielen anderen Bereichen – ein Katalysator. Und ich kenne viele, für die es ein Zurück zum alten Normal nicht mehr geben wird. (Wobei das natürlich auch ein Phänomen ist, das in meiner Filterblase überdurchschnittlich ausgeprägt ist.)

    Ich stimme Dir voll und ganz zu, dass Unternehmen jetzt keinesfalls direkt zurück zum Alten gehen sollten. Manche (viele?) werden es aber dennoch tun. Weil Experimente in der klassischen Sichtweise eben nicht zu einem Unternehmen passen, das doch schon ganz genau weiß, wo es lang geht.

    Meine Hoffnung ist, dass es trotzdem genügend Geschäftsführer*innen geben wird, die bereit sind, sich auf das Neue einzulassen – und immer wieder einzulassen. Denn die nächsten Jahre werden noch große Veränderungen mit sich bringen. Wer schnell lernt, sich auf diese Veränderungen einzustellen, wird langfristig davon profitieren, weil talentierte Mitarbeiter*innen nicht mehr nur aus dem direkten Umkreis kommen, sondern von überall her. (Was im Übrigen ja auch ein interessanter Faktor in Sachen Diversität ist.)

    Wer den Wandel verschleppt, wird aber vermutlich trotzdem weiter bestehen, weil es ja auch auf Arbeitnehmer*innen-Seiten viele Menschen gibt, die – aus ganz unterschiedlichen Gründen – weiterhin in Präsenz arbeiten wollen … oder ggf. auch müssen.

    Ein komplexes Thema … aber ich freue mich auf jeden Fall, mehr von Dir dazu zu lesen. 🙂

  2. Ich glaube, das ist gar kein Widerspruch 😉 Wandel hat für mich weder einen konkreten Anfang noch ein konkretes Ende, insofern stimme ich Dir komplett zu: Der Wandel ist nicht erst mit der Pandemie in Gang gesetzt worden und wird auch nicht enden, wenn wir die Auswirkungen der Pandemie weltweit unter Kontrolle bekommen haben. Aber COVID-19 ist bisher der stärkste Beschleunigungsfaktor, den wir in der Arbeitswelt seit der Erfindung der Dampfmaschine hatten.

    Wenn man so will, gibt es hier eine Gemeinsamkeit zwischen der Pandemie und den Veränderungen der Arbeitswelt: So wie der COVID-19-Virus nicht über Nacht entstanden ist, sondern sehr wahrscheinlich zahllose Mutationen (die für die Entwicklung der Natur verantwortlich sind) durchlaufen hat, bis es zur Übertragung auf den Menschen mit den bekannten (negativen) Auswirkungen kam, brauchte auch Remote Work diesen Tipping Point, um wirklich flächendeckend (positiv) wirken zu können.

    Ab sofort wird Remote Work anders beurteilt und ist schon jetzt viel mehr als ein „Incentive“ für die Mitarbeitenden. Und dennoch hast Du auch damit recht, dass viele, und ich glaube sogar die meisten, Unternehmen wieder zurück zur Office-Normalität kommen wollen. Das Experiment hat ihnen zwar die Weiterführung des Geschäftslebens ermöglicht, aber am Ende war das keine freiwillige Entscheidung.

    Ich glaube dennoch, dass die nächsten Jahre zeigen werden, dass Remote Work einen festen Bestandteil in unserer Arbeitswelt verdient hat und bekommen wird. Schon bald werden wir Remote-Work-Quoten (x Tage pro Woche) in Stellenausschreibungen sehen, weil das genau das ist, was sich viele Mitarbeitende wünschen. Sie werden das nur selten bei ihrem aktuellen Arbeitgeber bekommen, aber wenn ein Wechsel ansteht, wird Remote Work wichtiger…

    ➡️ …als ein Firmenwagen samt Parkplatz,
    ➡️ …der Kaffeevollautomat samt Obstkorb,
    ➡️ …der Kickertisch und bunte Team-Räume

    sein. Und gerade in der Wissensarbeit, um die es hier in erster Linie geht, arbeitet heute kaum noch jemand 10, 20 oder gar 30 Jahre in einem Unternehmen (was übrigens auch gut zeigt, dass der Wandel schon vor längerer Zeit begonnen hat).

    Die Entkopplung von Arbeit und Raum ist erst der Anfang. Für mich ist der logische nächste Schritt die Entkopplung von Arbeit und Zeit. Auch da gibt es bereits erste Entwicklungen, ich sag nur „4-Tage-Woche“ 😊

    Meine Themenliste ist schon jetzt sehr lang…

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